Abschied
Erasmus (252 Visitas) 3 Kommentare »Bahnhof Lille Europe, 13.15h Ortszeit. Aus den riesigen Lautsprechern des Bahnhofs tönt die sonore Frauenstimme der SNCF und gibt in Französisch und Englisch Ankunftszeiten und Verspätungen der Züge durch. Überall Koffer, Taschen und Menschen, die entweder gelangweilt und frierend auf ihren Zug warten oder in aller Eile von einem Gleis zum anderen sprinten. Dann sagt uns die große Anzeigetafel, dass der TGV nach Brüssel in wenigen Minuten auf Gleis 46 einfahren wird. Wir erheben uns von den ergonomisch geformten Bahnhofssitzen, nehmen das Gepäck in die Hand und steigen zum Gleis hinab. Noch kein Zug in Sicht. Das gibt uns Zeit für eine letzte Konversation am Bahnsteig. Wir schwelgen in den Erinnerungen, die wir in den letzten fünf Monaten gesammelt haben. Plötzlich ein lautes Grollen aus der Ferne. Gebannte Blicke in den schier endlos langen und dunkeln Tunnel zu unseren Rechten; der TGV nach Paris ist soeben auf Gleis 44 vorgefahren. Fast gänzlich übertönt von dem Quietschen und Rattern des Zuges dudelt aus den Lautsprechern Musik. Ich kann nur eine Textzeile aufschnappen: „emmène-moi quelquepart“:„Bring mich irgendwohin.“ Wie passend. Kurze Zeit später fährt der Zug vom anderen Gleis ab und wir können unsere Reise in die Vergangenheit fortsetzen. Seltsam, wie schnell die Zeit verfliegt. Es scheint, als sei man erst vor Kurzem hier in Lille angekommen, als frischgebackener ERASMUS-Student, und dann ist so plötzlich alles vorbei. Alle Erinnerungen sind noch so frisch und man bemerkt, dass man allzu leicht das Unvermeidliche ausblendet: den Tag des Abschieds. Die sonore Frauenstimme der SNCF unterbricht unsere Unterhaltung barsch und warnt uns eindringlich, von den Gleiskanten zurückzutreten, da der TGV nach Brüssel nun vorfahren wird. Es wird ernst. Ohrenbetäubender Lärm und zwei helle Punkte am Ende des Tunnels kündigen die Ankunft des TGV 9508 nach Bruxelles-Midi an. Der Zug hält, die Türen öffnen sich, einige Fahrgäste, sichtlich erschöpft von der Reise, hieven ihre Koffer aus dem Zug und orientieren sich in der neuen Umgebung. Irgendwie erinnert mich diese Situation an meine eigene Ankunft hier. Man kam sich so verloren in diesen engen Straßen vor und mittlerweile sind sie ein Teil von uns geworden. Hm, wie man sich innerhalb von fünf Monaten an eine Umgebung gewöhnen kann.
Meine Reise endet hier, an der Schwelle des TGV 9508, da es Fahrgästen ohne Zugticket nicht gestattet ist, den Zug zu betreten. Irina verschwindet das erste Mal im Zug und kämpft sich mit ihrem Gepäck durch die Gänge. Wenige Augenblicke später gebe ich ihr die letzten Gepäckstücke zu. Jetzt ist die Zeit gekommen, um Abschied zu nehmen. Ein letztes Mal steigt Irina aus dem Zug und wir verabschieden uns voneinander, was uns beiden sichtlich schwer fällt. Die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen hebt jedoch die Stimmung ein wenig. Das Pfeifen des Schaffners lässt Irina wieder im Zug verschwinden. Ich entferne mich von der Tür und laufe parallel zum Zug bis zu ihrem Platz mit. Sie setzt sich und kurze Zeit später fährt der Zug an. Schnell winken wir uns noch einmal zu bevor der große schwarze Tunnel zu meiner Rechten den TGV 9508 verschwinden lässt. Das war es. Mit Irina ist die letzte deutsche ERASMUS-Studentin aus Lille abgereist. Eigentlich könnte man annehmen, dass man nach so vielen Abschieden schon so eine Art Routine entwickelt. Dem ist aber nicht so. Zumindest für mich nicht.
Ich steige zum Bahnhof hinauf. Zum Glück gibt es eine überdachte Verbindung zwischen dem Bahnhof und EURALILLE. Somit muss ich nicht hinaus in die Kälte. Vorerst nicht.
Mein Weg führt mich zu „Carrefour“, dem gigantischen Supermarkt in EURALILLE. Fast ferngesteuert laufe ich durch die riesigen Gänge. Ohne hinzuschauen greife ich nach den günstigsten Produkten. Nach weniger als fünf Minuten ist der Einkaufszettel abgearbeitet. An der Kasse seh ich eine alte Bekannte wieder: Lindsay, die wohl untalentierteste Kassiererin der Welt. Ich weiß nicht, wieviel Zeit meines Lebens ich bereits wartend in einer elend langen Schlange vor ihrer Kasse vergeudet habe, weil Lindsay wieder einmal nicht den Barcode lesen konnte.
Die Frage nach der carte de fidélité wird gewohnheitsmäßig verneint, ebenso wie die darauf folgende Frage, ob ich denn so eine Karte möchte. In aller Seelenruhe packe ich alles in meinen Beutel, wünsche Lindsay trotz allem einen schönen Tag und begebe mich Richtung Ausgang. Bettler strömen wie immer auf mich zu „Monsieur, haben Sie etwas Geld für einen Kaffee?“. Ich spiele gekonnt den Ausländer, der nichts versteht und entschuldige mich auf Deutsch. Außerhalb der Einkaufsgalerie verteilen Personen in roten Jacken kostenlose Zeitungen. Ich nehme dankend an; wohlwissend, dass ich diese Zeitung sowieso wieder ungelesen in den Müll werfen werde. Der blaue Himmel der letzten Tage hat sich mittlerweile in eine dichte, graue Wolkendecke verwandelt. Nichts Ungewöhnliches. An der Straße lächelt mich das rote Ampelmännchen an und fordert mich auf am Straßenrand stehen zu bleiben. Ich lächele zurück, betrachte die allgemeine Verkehrssituation, warte ein Auto ab und überquere anschließend die dreispurige Straße. Zu Hause angekommen nehme ich nochmal einen Stapel kostenloser Zeitschriften mit Kontaktanzeigen, Tauschbörsen und Super-Sonder-Sparangeboten aus dem Briefkasten. Alles landet ungelesen im Müll. Alles Routine.
Ich steige die Wendeltreppe zu meinem Appartement hinauf und stecke den Schlüssel ins Schlüsselloch. Hm, wie immer will die Tür nicht, wie ich will. Mit meiner linken Schulter stoße ich die Tür auf. Willkommen daheim. Zu Hause angekommen verstaue ich erst meinen heutigen Einkauf und nehme anschließend ein Stück Schokolade aus einer viel zu großen Schachtel, die noch von Weihnachten übrig ist. Ein kleiner Zettel auf meinem Schreibtisch sagt mir, dass ich bis morgen Hausaufgaben noch zu erledigen habe. Hm, wäre ungünstig in meinem Spanischkurs morgen aufzukreuzen ohne den Text gelesen zu haben. Ich beginne meine Vorbereitungen für den morgigen Tag. Für einen ganz normalen Tag in Frankreich.