Hallo meine Lieben !
Nach *unglaublich* langer Blog-Absenz, widme ich mich meiner Pflicht – für ein letztes Mal.
Bald werde ich mich aus dem nordfranzösischen Lille und von meinem Dasein als ERASMUS-Student verabschieden- ein Schritt, der mir nicht leicht fallen wird. Ein Kapitel geht für mich zu Ende. Ein Kapitel, an das ich mich gerne zurückerinnern werde. Deswegen sehe ich als angemessen an, meine Erfahrungen, meine Erlebnisse, kurzum mein Leben hier zu resümieren. Was hat sich für mich nach einem Jahr Frankreich geändert?
Antwort: Vieles.
ERASMUS, Frankreich, ein Jahr ‚abroad’ oder einfach mein voranschreitendes Alter
- Ich habe mich verändert. Das stelle ich selbst an mir fest, also muss es so sein
. Mmmh… wie könnte man das zusammenfassen:
… ich sehe vieles mittlerweile lockerer- ich bin ausgeglichener. Ich würde schon sage, dass ich früher eher vieles ernster, vieles strikter, vieles ‚deutscher’ gesehen habe. Öfters mal feiern gehen, sich nicht aufregen, wenn die langsame Supermarktkassiererin mal wieder die Liste für das Obst verlegt hat, oder einfach mal bei Rot über die Ampel gehen
. Jetzt weiß ich, dass es ein Leben neben der Uni gibt
und dieses Leben muss man ja auch auskosten…vielleicht noch intensiver, als vorher. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich auf einige Leute getrost verzichten kann und man nicht jedem alles recht machen muss.
… ich nehme mich stärker als Deutscher wahr. Auch wenn wir immer denken, wir seien ein Volk von Menschen, die nur meckern, nur genervt sind und emotional unterkühlt… NEIN! Jedenfalls nicht vollkommen. Die Franzosen sind im Hinblick auf Gemecker noch schlimmer als wir. „Man sieht die Deutschen nie meckern. Die regen sich nie auf!“ - so einige Franzosen, mit denen wir gesprochen haben. Vielleicht haben sie recht- jedenfalls stimmt es, dass es wenig bringt sich über alles und jeden aufzuregen. Für mich ist das verlorene Zeit, in der man sich durchaus schöneren Dingen widmen könnte!
… ich erkenne den Wert und die Schönheit von Europa. Durch den Kontakt mit vielen Kanadiern und Amerikanern ist mir erst bewusst geworden, wie schön und vielfältig doch eigentlich Europa ist. Es ist faszinierend, wie viele unterschiedliche Kulturen hier auf engsten Raum vereint sind. Ein kanadischer Freund : „In sechs Stunden mit dem Auto bin ich an der amerikanischen Grenze.“. Ich darauf: „In sechs Stunden bin ich längst in Tschechien, Polen, fast Österreich, fast Frankreich, fast Belgien, fast Dänemark.“ Durch solche Gespräche wird man sich erst dessen bewusst, was für uns so alltäglich ist: Das wir schon längst Europa praktisch leben. Im Gegensatz zu meinen überseeischen Freunden war auch der Papierkrieg mit ERASMUS für mich ein reinster Spaziergang- weil ich Europäer bin.
… ich merke, wie schwierig Integration ist. Jeder, der einmal längere Zeit im Ausland wird mir bestätigen können, dass die vielbeschrieene Integration bzw. Anpassung an die Zielkultur kein Zuckerschlecken ist. Egal wie groß der eigene Wille zur Integration ist- dies bringt alles nichts, wenn man am Widerstand der Zielkultur zerbricht. Integration braucht Zeit und eine helfende Hand, die einem die Zielkultur näher bringt- Menschen, die den Kontakt mit ‚Ausländern’ (irgendwie mag ich dieses Wort nicht mehr) nicht scheuen und auch eventuelle kulturelle Fauxpas verzeihen- schließlich sind die kulturellen Unterschiede teilweise so gravierend, dass man sich unbewusst königlich in die Nesseln kann.
… ich fühle mich selbstbewusster (vielleicht auch etwas arroganter). Immerhin habe ich es geschafft, an einem anderen Ort, in einem anderen Land, dessen Sprache ich nicht perfekt beherrsche, von Null auf Hundert durchzustarten. Nach einem Jahr Frankreich besitze ich einen soliden Freundeskreis, habe mich französischen Behörden rumgeschlagen und zwei Semester mehr oder weniger erfolgreich studiert. Das soll mir erstmal einer nachmachen : - ) . So eine Erfahrung prägt und einmal mehr beweist sich das gute alte Sprichwort: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Et ben voilà, c’est ça. Es ist wirklich so. In jedem von uns steckt dieses Potential. Wir müssen nur manchmal etwas wagen!
… ich liebe das internationale Leben. Nach fast einem Jahr der bunt gemixten Kulturen, merke ich wie wenig wir doch von der Welt wissen. Es ist unglaublich interessant sich mit den anderen ERASMUS-Studenten über alles und nichts, „tout et rien“, zu unterhalten. Erfahrungen über die französische Gastkultur austauschen, über die politische Situation im Lande philosophieren oder ganz einfach über Banalitäten („Schneidest du deinen Salat oder isst du die Blätter im Ganzen?“) plauschen bereichert ungemein und hat meinen Horizont um einiges erweitert- und natürlich Lust auf mehr gemacht.
… ich bin toleranter und habe viele Vorurteile abgebaut. Vor allem gegenüber Amerikanern und Bayern.
Ich habe so viele nette Leute hier kennen gelernt, dass es einfach nur ungerecht wäre, wenn ich meine Denkweise nicht ändern würde. Vielleicht habe ich auch zum Abbau von Vorurteilen gegenüber Deutsche oder Sachsen durch mein Auftreten abgebaut. In gewisser Weise schon, denke ich. Jedoch kann es auch sehr witzig sein, mit vorgefertigten Denkweisen zu spielen und durch gemeinsames Lachen diese zu entschärfen.
… bin ich ein besserer Mensch? Es wäre ziemlich vermessen, dies zu behaupten.
Jedenfalls fühle ich, dass mich dieses Jahr im Ausland persönlich um Längen weitergebracht hat.
Gut, mit diesem Resumée schließe ich das Kapitel ERASMUS für mich persönlich ab. Noch lange werde ich mich an diese schöne Zeit zurückerinnern- und hoffen, dass ich für meinen nächsten Auslandsaufenthalt aus diesen Erfahrungen lernen kann, damit Spanien (und vielleicht auch Italien) mindestens genauso schön wird (werden)
.
Damit verabschiede ich aus dem Blogjournalismus und gehe wieder zu meinem alten Format, der Rundmail, über. Vielen Dank für eure Treue und ich freue mich, euch alle bald wiederzusehen!
Je vous embrasse très fort!
Euer Matze